„Reden wir über das I-Wort“ – Artikel in der Lampertheimer Zeitung

FAJUSEA Ausschuss spricht sich für mehr Inklusion aus / Empfehlung für einen Behindertenbeirat

LAMPERTHEIM – (aheu). Die Frage, wann Lampertheim inklusiv ist, beantwortet Günther Baus vor dem Auschuss für Familie, Jugend und Senioren (FaJuSeA) kurz und bündig: „Dann, wenn wir nicht mehr darüber reden müssen.“ Bis zur Verwirklichung des Wunsches, den der Erste Vorsitzende der Lebenshilfe äußert, ist es noch ein weiter Weg. Geredet wird viel, was nicht zuletzt der Fall des Schülers Henri aus Walldorf gezeigt hat. Der Junge aus Walldorf hat das Down-Syndrom und sollte auf Wunsch seiner Eltern auf ein Gymnasium gehen. Doch die Eltern fanden keine Schule, die Henri aufnehmen wollte.

img_L2ZtLzgxOS90aHVtYm5haWxzL0NPTl81MTY2NDM1MjRfNTQ1OTdfTS5qcGcuMjM3MzI2NDguanBn_L2ZtLzgxOS90aHVtYm5haWxzL0NPTl81MTY2NDM1MjRfNTQ1OTdfTS5qcGcuMjM3MzI2NTAuanBn

Wo steht Lampertheim in Sachen Inklusion? Günther Baus klärt die Ausschussmitglieder auf. Foto: AfP Asel

Der aus dem Lateinischen stammende Begriff Inklusion (von dem Verb includere) ist seinem Ursprung nach eigentlich missverständlich: denn neben dem „miteinschließen“ kann er auch „hemmen, zurückhalten“ bedeuten. Nun ist offensichtlich, dass mit dem Wort „Zugehörigkeit“ gemeint ist – also das Gegenteil von Exklusion. Günther Baus zeigt zur Veranschaulichung mehrere Kreise aus kleinen, bunten Pünktchen, die auf die Leinwand geworfen werden. „Separation“ sei jenes Phänomen gewesen, das beispielsweise noch in den 60ern praktiziert wurde: „Damals gab es Wohnheime für Menschen mit Behinderung, die außerhalb der Städte erbaut wurden“, erinnert der Lebenshilfe-Vorsitzende. Durch Förderschulen wurden die Betroffenen vom Regelunterricht ferngehalten. Die Distanzierung war demnach eine räumliche wie soziale. Die Integration dann brachte spezielle Unterrichtsangebote für Kinder mit Behinderung.

Baus fasst den Begriff Inklusion relativ weit: Einmal als Prozess, der allen Menschen Chancen zur Teilhabe und einem selbstbestimmten Leben ermöglichen soll. Zum anderen als Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Und schließlich als Ansatzpunkt für Grundsätzliches, der das Selbstverständnis einer Gesellschaft offenbart: „Welches Menschenbild haben wir? Welche Werte sind uns wichtig?“, fragt Baus.

Die Lebenshilfe ihrerseits sei mit gutem Beispiel vorangegangen. Bis zum Mai 2015 gibt es ein Vorabprojekt, das von der „Aktion Mensch“ gefördert wird. Lampertheim will inklusiver werden und hierfür weitere Vorbereitungen für das Projekt „Lampertheim inklusiv“ treffen. Das Ziel: grundlegende Strukturen schaffen, um langfristig eine bessere Unterstützung von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen. Dies soll besonders für die Bereiche Bildung, Arbeit und Freizeit gelten. Laufen soll das Projekt bis 2018. Die Verwaltung möchte daher die Lebenshilfe und Akteure der Lokalen Agenda sowie andere etwaige Gruppen an einen Tisch bringen und weitere Ziele und Maßnahmen erörtern. Insbesondere – und dies sehen die Ausschussmitglieder ebenso – soll es einen Behindertenbeirat geben. Menschen mit Behinderung sollen ins Projekt „Lampertheim – inklusiv“ miteinbezogen werden und beispielsweise an vier öffentlichen Workshops teilnehmen. Baus schweben Weiterbildungen für Lehrer vor. Zudem ist eine Kooperationsvereinbarung der Stadt mit der Biedensandschule angedacht.

Erster Stadtrat Jens Klingler spricht bezüglich des Behindertenbeirates von einem „Glücksfall“ und merkte an, dass das Thema in der Vergangenheit „etwas stiefmütterlich“ behandelt worden sei.

Des Weiteren behandelt ein SPD-Antrag ein weiteres inklusives Thema. Städtische Publikationen sollen nach Vorstellung der Genossen auch in sogenannter Leichter Sprache angeboten werden. Die Bundeszentrale für Politische Bildung beispielsweise bietet Informationen in Leichter Sprache und Bebilderungen an. Laut Stadtsprecher Stefan Nickel würde das Hinzuziehen eines externen Anbieters zum Erstellen einer Seite in Leichter Sprache pro Internetseite 120 Euro betragen. Diese wäre dann ein Zusatzangebot zu den bereits bestehenden. Sozialdemokrat Marius Schmidt plädiert dafür, die Erörterung der genauen sprachlichen Regelungen zunächst „den Betroffenen zu überlassen“.


Quelle: Lampertheimer Zeitung vom 29. November 2014